Das Nähe-Distanz-Dilemma im Rettungsdienst: Heute Leitung, morgen Teampartner

Das Nähe-Distanz-Dilemma im Rettungsdienst: Heute Leitung, morgen Teampartner
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Leitung & Kollegen

Heute führst du als Leitung noch ein Konfliktgespräch mit einem Mitarbeitenden. Morgen sitzt du mit genau dieser Person 24 Stunden zusammen auf dem Rettungswagen.

Oder andersherum: Du bist Rettungswachenleitung, fährst aber nur noch selten selbst draußen mit. Wenn du dann mal wieder auf dem RTW sitzt, merkst du schnell: Die Routine ist nicht mehr dieselbe wie früher. Die Kollegen sind fachlich oft viel tiefer im Einsatzalltag drin als du.

Genau darin steckt ein echtes Führungsdilemma im Rettungsdienst. Du bist Leitung – und gleichzeitig manchmal immer noch Teampartner:in. Du sollst nahbar bleiben, aber auch klar führen. Du sollst Verantwortung tragen, ohne so zu tun, als wärst du automatisch in jeder Lage die fachlich stärkste Person. Genau diese Spannung muss im Alltag gut gestaltet werden.

Das Problem

Das Nähe-Distanz-Dilemma entsteht vor allem dann, wenn Leitungskräfte im Rettungsdienst nicht nur organisieren und führen, sondern gleichzeitig weiter operativ mitarbeiten. Genau das ist in vielen Rettungswachen Alltag. Wachleitungen schreiben Dienstpläne, führen Gespräche, kümmern sich um Abläufe und stehen trotzdem manchmal selbst mit auf dem Rettungswagen.

Das klingt erstmal pragmatisch, bringt aber Spannungen mit sich. Denn die Rollen wechseln ständig. In dem einen Moment bist du Führungskraft, im nächsten Moment sitzt du als Teammitglied mit auf dem Fahrzeug. Für Mitarbeitende kann das irritierend sein. Für dich selbst auch.

Dazu kommt noch ein zweiter Punkt: Wer nur noch selten fährt, ist oft nicht mehr so sicher im operativen Alltag wie Kolleginnen und Kollegen, die regelmäßig draußen sind. Manche Abläufe gehen nicht mehr ganz so selbstverständlich von der Hand. Manche Handgriffe brauchen einen Moment länger. Das ist kein persönliches Versagen, sondern eine logische Folge der veränderten Rolle.

Genau hier wird es heikel. Denn viele Leitungskräfte meinen, sie müssten in solchen Situationen besonders stark, besonders kontrolliert oder besonders souverän wirken. Das Gegenteil ist oft hilfreicher: ehrliche Rollenklarheit. Nicht künstlich auf Distanz gehen. Aber auch nicht so tun, als wäre alles noch wie früher.

Die Lösung liegt nicht darin, den Chef raushängen zu lassen. Und auch nicht darin, wieder komplett Kollege sein zu wollen. Die Lösung liegt darin, die eigene Rolle ehrlich und bewusst zu leben.

Dazu gehört zuerst, das Spannungsfeld offen anzuerkennen. Wer Leitung ist, hat heute einen anderen Auftrag als früher. Es geht nicht mehr darum, in jeder Situation fachlich der Sicherste oder Schnellste zu sein. Es geht darum, Verantwortung zu tragen, Orientierung zu geben und den Rahmen für gute Arbeit zu schaffen.

Gerade wenn du nur noch selten auf dem Rettungswagen eingesetzt bist, kann ein lockerer, ehrlicher Satz viel helfen. Zum Beispiel mit einem Augenzwinkern: „Heute hast du mich mal als Praktikanten auf dem Wagen, aber denk dran, morgen schreibe ich den Dienstplan.“

Natürlich ist so ein Satz humorvoll gemeint. Aber er transportiert etwas Wichtiges. Er zeigt, dass du dir deiner veränderten Rolle bewusst bist. Er zeigt, dass du nicht so tust, als wärst du fachlich automatisch in allem sicherer als die Kolleginnen und Kollegen, die ständig fahren. Und er macht trotzdem klar: Die Leitungsrolle bleibt bestehen.

Genau das ist der Kern. Führung wird nicht dadurch stark, dass sie alles besser kann. Führung wird stark, wenn sie sich selbst realistisch einschätzt, klar kommuniziert und in der Rolle sicher bleibt.

Genauso wichtig ist es, Rollenklarheit aktiv anzusprechen. Wenn du heute noch ein Konfliktgespräch geführt hast und morgen mit derselben Person auf dem Fahrzeug sitzt, dann hilft es, innerlich und manchmal auch offen zwischen den Situationen zu trennen. Im Einsatz zählt saubere Teamarbeit. In der Leitungsrolle zählen Führung, Entscheidungen und Verantwortung. Beides darf nebeneinander bestehen – aber eben nicht unbewusst.

Praktischer Transfer

Für den Alltag auf der Rettungswache heißt das vor allem: Gestalte die Rollenmischung bewusst.

Wenn du als Leitung mit auf dem Rettungswagen sitzt, musst du nicht beweisen, dass du fachlich noch alles genauso beherrschst wie früher. Du darfst anerkennen, dass andere Kolleginnen und Kollegen im aktuellen Praxisalltag oft sicherer sind. Das ist kein Autoritätsverlust, sondern ein realistischer Umgang mit Verantwortung.

Wenn du mit Mitarbeitenden in Spannung bist und trotzdem gemeinsam Dienst machst, hilft Klarheit mehr als künstliche Lockerheit. Im Einsatz arbeitet ihr professionell zusammen. Das persönliche oder führungsbezogene Thema verschwindet dadurch nicht, aber es muss auch nicht jede Minute mitschwingen.

FAQ

Warum ist Nähe und Distanz im Rettungsdienst für Führungskräfte so schwierig?
Weil Leitungskräfte oft nicht nur führen, sondern gleichzeitig Teil des operativen Alltags bleiben. Genau diese Mischung aus Teamnähe und Führungsverantwortung macht die Rolle anspruchsvoll.

Darf eine Leitungskraft zugeben, dass sie fachlich nicht mehr in allem so sicher ist wie das Team?
Ja. Genau das kann sogar Stärke zeigen. Wer die eigene Rolle realistisch einschätzt und offen damit umgeht, wirkt oft glaubwürdiger als jemand, der künstlich Sicherheit ausstrahlen will.

Wie kann ich mit einem Mitarbeitenden professionell zusammenarbeiten, wenn am Vortag noch ein Konfliktgespräch lief?
Hilfreich ist, beides nicht ständig zu vermischen. Einfach gesagt: Die Zusammenarbeit im Einsatz ist das eine, das offene Thema zwischen euch ist das andere. Wenn du das innerlich sauber trennst, fällt professionelles Arbeiten meist deutlich leichter. Das Problem ist damit nicht erledigt, aber es muss auch nicht die ganze Schicht bestimmen.

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Buchtipp

Wer sich tiefer mit der Führungsrolle im Rettungsdienst beschäftigen möchte, dem sei das Buch Leadership und Management im Rettungsdienst empfohlen. Es greift viele typische Spannungsfelder aus dem Führungsalltag auf und ordnet sie praxisnah ein.

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