Die drei größten Stolperfallen
1. Das Identitäts-Vakuum
Mit dem Wechsel in die Führungsrolle verändert sich die Art der eigenen Wirksamkeit. Während der Einsatzdienst unmittelbare Rückmeldung liefert ist Führung indirekter. Entscheidungen wirken langfristig, Teamentwicklung geschieht schrittweise, Erfolge sind weniger spektakulär.
Dadurch kann ein Gefühl der Entkopplung entstehen: Bin ich noch Teil des Teams? Woran messe ich meinen beruflichen Wert, wenn ich nicht mehr selbst im Einsatz stehe?
Reflexionsfrage:
Woran misst du aktuell deinen Beitrag, an Einsatzstunden oder an der Entwicklung deines Teams?
2. Das Nähe-Distanz-Dilemma
Der Rettungsdienst ist geprägt von Kollegialität und enger Zusammenarbeit. Wer gestern noch Teil der Gruppe war, trägt heute Verantwortung für sie. Diese Verschiebung verändert Beziehungen.
Professionelle Distanz bedeutet nicht Kälte, sondern Klarheit. Gleichzeitig darf Führung nicht in soziale Isolation führen. Zu viel Nähe schwächt Autorität, zu viel Distanz untergräbt Vertrauen. Die Balance zwischen beidem ist eine zentrale Führungsaufgabe.
Reflexionsfrage:
Wo fällt es dir derzeit schwer, klare Grenzen zu setzen?
3. Die Sandwich-Falle
Führungskräfte im Rettungsdienst stehen häufig zwischen unterschiedlichen Erwartungsebenen. Das Team erwartet Unterstützung und Verständnis. Die eigene Leitung erwartet Umsetzung von Vorgaben. Hinzu kommen eigene professionelle Ansprüche an sich selbst.
Nicht jede Entscheidung wird Zustimmung finden. Nicht jede Vorgabe lässt sich weich formulieren. Die daraus entstehende Spannung ist kein Zeichen mangelnder Eignung, sondern Ausdruck von Verantwortung innerhalb eines Systems.
Reflexionsfrage:
Welche Erwartungsebene beeinflusst dein Handeln aktuell am stärksten?
Der unterschätzte Faktor: Die Schatten der Vergangenheit
Ein oft unterschätzter Aspekt beim Rollenwechsel ist die eigene Geschichte. Führungskräfte kommen nicht aus dem Nichts. Sie waren Teil des Systems, Teil der Kultur, Teil der informellen Regeln.
Viele kennen die Situationen selbst. Auch ich habe früher sehr genau gewusst, wie man erst kurz vor dem Krankenhaus die Sieben meldet, um anschließend auf die Acht zu gehen – und sich so eine kleine Pause verschafft. Man holt sich seine Auszeiten. Man versteht die Mechanismen.
Mit dem Rollenwechsel verändert sich jedoch die Perspektive. Was früher kollegial wirkte, muss heute aus Führungsverantwortung anders bewertet werden. Wenn ein solches Verhalten auffällt, darf es nicht ignoriert werden. Es muss angesprochen werden – nicht aus Kontrolle, sondern aus Verantwortung für Fairness, Verlässlichkeit und Systemstabilität.
Genau hier entsteht innere Spannung. Wie glaubwürdig bin ich, wenn ich heute etwas einfordere, das ich früher selbst flexibel ausgelegt habe?
Die Lösung liegt nicht im Verschweigen der eigenen Vergangenheit, sondern im reflektierten Umgang damit. Entwicklung bedeutet, aus Erfahrung zu lernen und Verantwortung bewusst zu übernehmen.
Ein klarer Satz kann dabei viel bewirken:
„Ich kenne das und habe es selbst damals nicht anders gemacht. Aber meine Rolle hat sich verändert – und mit ihr meine Verantwortung.“
Authentizität schafft nachhaltigen Respekt. Nicht moralische Überhöhung, sondern sichtbare persönliche Entwicklung.
Deine Strategie für die ersten 90 Tage
Die ersten Wochen in einer neuen Führungsrolle prägen Wahrnehmung und Vertrauen nachhaltig. Entscheidend ist weniger Aktionismus als bewusste Positionierung.
Erwartungen sollten frühzeitig geklärt werden. Frage dein Team aktiv, was es von dir benötigt, und formuliere zugleich klar, was du in deiner Rolle erwartest. Transparenz reduziert spätere Missverständnisse.
Ebenso wichtig ist ein souveräner erster Auftritt. Klare Kommunikationswege, nachvollziehbare Entscheidungslogik und ein konsistenter Führungsstil schaffen Orientierung. Unklarheit erzeugt Gerüchte. Klarheit erzeugt Sicherheit.
Schließlich entsteht Vertrauen im Alltag durch Verlässlichkeit. Pünktlichkeit, eingehaltene Zusagen und angekündigte Rückmeldungen wirken stärker als große Gesten. Führung zeigt sich in der Wiederholung konsistenter Handlungen.
Fazit
Führung im Rettungsdienst bedeutet, professionelle Abgrenzung zu entwickeln, ohne die menschliche Verbindung zum Team zu verlieren. Der Rollenwechsel ist kein Statusgewinn, sondern ein Identitätswechsel. Er verlangt innere Klärung, systemisches Denken und bewusste Kommunikation.
Der erste Schritt ist ehrliche Selbstreflexion.
